»Das Mittelalter zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit", Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Wolf, Bad Arolsen
Das Mittelalter zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit
28.01.2027
19:30 bis 21:00 Uhr
Wolfgang-Bonhage-MUSEUM KORBACH (mit Geopark-Infostelle)
Kirchplatz 234497 Korbach
Eintritt frei
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Für das Mittelalter gelten gemeinhin das gesprochene Wort und die Rede als zentrale Kommunikationsmittel, zumal überhaupt nur die Klöster über Schriftlichkeit verfügen. Die Laien, also die 'normalen Menschen' vom Bauer bis zum König, können in der Regel weder lesen noch schreiben. Irgendwann im 11./12. Jh. passiert dann Merkwürdiges: Plötzlich gilt nur noch das Geschriebene als dauerhaft und wahr, denn - so berichten es zahlreiche Urkundeneinleitungen - "das menschliche Gedächtnis ist unzuverlässig" und Lügengeschichten, die mündlichen Heldenerzählungen etwa über die Nibelungen und den Hunnenkönig Etzel führen direkt in die Hölle - so jedenfalls formuliert es um 1150 ein Regensburger Geistlicher im Prolog seiner volkssprachigen Kaiserchronik. Die Folgen sind dramatisch: Innerhalb weniger Jahrzehnte steigt die Zahl der Urkunden und Manuskripte exponentiell an. Sogar in der Welt der illiteraten Laien muss plötzlich alles schriftlich fixiert sein. Das gilt für die Memoria, das Recht, die Medizin, aber auch für Heldengeschichten und selbst für die Lyrik. Und es passieren drumherum merkwürdige Dinge, denn Vieles, vor allem wenn es um Besitz, Herkommen und Recht geht, hatte man ehedem nur mündlich verhandelt und mündlich weitergegeben. Nun brauchte man es aber schriftlich. Das Problem wurde umgehend gelöst: Man erstellte sich einfach scheinbar uralte (nie existierende) schriftliche Beleg neu. Heute würde man dies Fälschung nennen - und die größten Fälscher waren die Klöster und der Papst, denn sie verfügten über Schriftlichkeit - und Schriftlichkeit heißt Macht, Recht und Besitz.
Waldeckischer Geschichtsverein e. V., Katja König